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Dissertation

Politik des Eros – Der Männerbund als Wissens-, Macht- und Subjektstrategie vom Kaiserreich zum Nationalsozialismus

Ab 1912 provozierte der Schriftsteller Hans Blüher die deutsche Öffentlichkeit mit seinen Thesen zum Männerbund. Nicht nur die Jugendbewegung, sondern jedes staatliche Gebilde beruhte seiner Ansicht nach auf männerbündischen Zusammenschlüssen. Seine Thesen entwickelte er im Anschluss an medizinische und sexualwissenschaftliche Diskussionen zur Homosexualität, in die er romantische Vorstellungen der Jugendbewegung und konservativ-revolutionäre staatstheoretische Überlegungen einfließen ließ. Dies könnte man für eine seltsame Blüte in der deutschen Geschichte halten, wenn sie nicht auf eine erstaunlich große Resonanz gestoßen wäre. Rezipiert wurde Blüher nicht nur von der gesamten Jugendbewegung, sondern auch von Schriftstellern wie Thomas Mann und Rainer Maria Rilke, Kurt Hiller und Gottfried Benn. Aber auch Religionswissenschaftler, Mediziner und hochrangige Politiker zeigten sich äußerst empfänglich für die neuen Strategien zur Verteidigung dieser Form von Männlichkeit.

Während es vor dem Ersten Weltkrieg vor allem darum ging, virile Männlichkeit gegen die erstarkende Frauenemanzipation zu verteidigen und für die Etablierung und Legalisierung homosexueller (maskulinistischer) Formen von Männlichkeit zu werben, entwickelten sich während des Krieges neue Strategien. Der homosexuelle Emanzipationsdiskurs ging über in ästhetische Varianten neuer Männlichkeit, die bestimmte Formen von "Weiblichkeit" anzugeignen versuchten mit dem Ziel eines supervirilen Künstlersubjekts. Aus dem (homo)sexuellen Trieb wurde nun bei Hans Blüher ein platonischer Eros, dem das Gewicht der abendländischen Philosophie zusätzlichen Auftrieb verlieh. Aus dem jugendbewegten Kämpfer für die Rechte verfolgter Homosexueller wurde ein konservativ-revolutionärer Anhänger eines starken Staates.

Während des Ersten Weltkrieges zeichnte sich zugleich eine andere Verschiebung ab: Antifemitische Parolen verloren im Zuge der erstarkenden Volks(Kriegs)gemeinschaft an Zugkraft. Sie wurden von antisemitischen Diskursen überlagert: Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreiches grenzte sich eine spezifisch deutsche Männlichkeit von einer jüdischen Weiblichkeit ab. Indem der Jude als »misslungener« Mann codiert wurde, wurde seine Bekämpfung gleichermaßen zu einem willkommenen Medium der Reinstallation des »Männlichen« wie der männlich konntoierten staatlichen Ordnung. Aus dem jungen Hans Blüher, der viele jüdische Freunde gehabt hatte, wurde einer der bekanntesten Antisemiten der Weimarer Republik.

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